Wie es sein kann

Es ist nicht immer möglich, sich vollständig vor Emotionen zu verschließen, und die Visualisierung über einen längeren Zeitraum kostet sehr viel Kraft.

Dieses spürte ich am 13. September 2017, als Norddeutschland schon sehr früh den ersten Herbststurm des Jahres erlebte, und ich weiß jetzt schon, dass ich diesen Tag so schnell nicht vergessen werde.

Mein letzter Krankenbesuch in Flensburg begann schon sehr aktiv, denn aufgrund der bevorstehenden Entlassung am nächsten Tag musste vor der Fahrt der Kühlschrank gefüllt werden.

Also den Einkauf erledigen und alles in der Pflegewohnung verstauen. Dann weiter mit Taxi zum Bahnhof und dort die Fahrt nach Flensburg beginnen. Soweit so gut, nur aufgrund der stürmischen Wetterlage war die Fahrt von Beginn an ein Abenteuer. Die Emotionen im Zug waren eindeutg ängstlich, was sich auf der sogenannten Rendsburgbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal noch verstärkte. Eine Sturmwelle, wie ich Böen auch nenne, hatte den Zug mitten auf der Brücke zum Zittern gebracht. Spätestens hier wurde es Zeit, dass ich mich diesen Eindrücken verschloß.

Normalerweise lese ich auf Bahnfahrten immer sehr viel, aber diesmal wurde ich, trotz Mauer, von den Emotionen völlig erschlagen. Ans Lesen war da nicht zu denken, und extra für solche Augenblicke habe ich immer meine Meditationskette bei mir. So konnte ich mich innerlich zumindest etwas abschotten.

So verlief der Tag ertragbar, auch im Krankenhaus.

Krankenhäuser sind für mich immer auch eine Art Test, bei dem ich dann weiß wie stark ich derzeitig in der Visualisierung meiner Mauer bin, denn ausgenommen in einer Einkaufstraße an einem Sonnabend oder während meiner Arbeit ist man hier einer geballten Ladung von Emotionen ausgesetzt.

Das eigentliche Problem begann erst auf der Rückfahrt. Der Sturm hatte im Laufe des Tages zugelegt, das spürte ich in meinen Knochen mehr als deutlich.

Als ich am Bahnhof aus dem Bus stieg, da erlebte ich jedoch einen wahren Orkan der Emotionen.

Das etwas passiert ist, dass spürte ich sofort.

Um es kurz zu machen – der Zugverkehr wurde komplett eingestellt, und was ich spürte war die Verunsicherung und der Hass all derjenigen, die, wie ich, in Flensburg gestrandet waren.

Ja, es hat durchaus Vorteile wenn man rechtzeitig spürt, das etwas nicht stimmt, denn so konnte ich schnell agieren und hatte letztlich einen der letzten drei freien Plätze in einem FlexBus ergattert.

Jedoch stellte ich mir im nachhinein die Frage, ob ich richtig gehandelt habe, denn schließlich musste so eine Person unfreiwillig in Flensburg übernachten.

Diese Frage stellte ich mir nur kurz, denn im Prinzip war es mir egal.

Das hat nun nichts mit Egoismus zu tun, sondern ist einfach der Tatsache geschuldet, das ich am nächsten Tag wieder im Laden sein musste.

Empathisch zu sein bedeutet nicht, das man grundsätzlich immer klein bei gibt weil man ja weiß wie der Gegenüber fühlt.

Klar, so kann man leben, und wenn man als Prügelknabe der Gesellschaft gerne im Selbstmitleid baden möchte – viel Spaß.

All jenen, die es nicht möchten, rate ich einfach sich vor Emotionen anderer so gut es geht abzuschirmen.

Nicht empathielos zu werden, das geht gar nicht, sondern durch ständiges Üben dafür zu sorgen, dass man eben nicht wie ein geprügelter Hund durch die Straßen gejagt wird.

Tu was du willst, aber schade niemandem. Dieser Satz bedeutet nicht, das man immer klein beigeben soll. Er bedeutet lediglich, das man stets mit Bedacht handeln sollte.

2 Antworten auf „Wie es sein kann

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  1. Danke für den Bericht 🙂 dass macht mir Mut, meine Gedanken wie ich es weiter mache auch so zu tun. Auch mit der Befürchtung, ich wirke nicht wohlwollend für die anderen. Aber ich muss gerade an mich denken.

    Mir erzählt man eh immer ich sei zu emphatisch. Vielleicht ist das der Grund warum ich immer mal wieder komplett zusammen breche und wieder von vorne anfangen an mir zu arbeiten .

    Herzliche emphatievolle Grüße
    Doris

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