November

Trotz allem was in den letzten Wochen passiert ist – ich liebe den Herbst, und explizit den November.
Schicksalsschläge gehören zum Leben, und es liegt an jedem einzelnen, wie man damit umgeht.

Ich bin nicht abgestumpft, ganz im Gegenteil, aber ich habe gelernt, dass es Situationen gibt, an dem mein Inneres auch einfach mal hintenan zu stehen hat.
Dafür gibt es andere Gelegenheiten, bei denen ich in mich gehe und meinen Kummer und meine Sorgen mit mir ausmache.

Der November ist hierfür am Besten geeignet, denn es ist der für mich ruhigste Monat des Jahres.
Der Trubel des Sommers ist endgültig abgeklungen, und die gesellschaftliche Hektik der Vorweihnachtszeit hat noch nicht begonnen.
Ja, nun kann ich durchatmen, was bei mir in diesem Monat auch in der Regel dazu führt, daß meine Gedanken in die vergangene Zeit zurückgleiten.

Ich meine damit nicht das bisherige Jahr, sondern die Vergangenheit im allgemeinen.

Wenn ich die Augen schließe, dann bin ich wieder in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin.
Ich sehe mich Nachmittags im Wohnzimmer am Fenster sitzen, Tee und/oder Kakao trinken, wobei der Becher auf der sehr warmen Marmorplatte der Gasheizung steht, und lesen, während draußen, in der einsetzenden Dämmerung, der Regen gegen die Fensterscheiben prasselt.
Ja, das war ein Teil meiner Kindheit, und allein beim Schreiben dieser Zeilen setzt dieses wohlige Gefühl wieder ein, das eine herrliche Wärme in mir verbreitet.

Ich verbrachte als Kind in Tat viel Zeit alleine, aber einsam fühlte ich mich deshalb noch lange nicht, im Gegenteil.
Es war ein Zustand, den ich absolut genoß, denn es herrschte Ruhe – und diese Ruhe war herrlich.
Im Dämmerlicht einfach auf die Straße zu schauen, das war für mich das Größte. Und wenn es dann auch noch mollig warm war, dann war es einfach nur perfekt.

Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem es, wie schon erwähnt, Gasheizungen gab. Es waren alte Heizkörper, die ein Fenster hatten durch welches man die Flamme sehen konnte; ein Lichtspiel im Raum entstand so, welches mich damals immer wieder fasziniert hatte.
Aber nicht nur das, auch der alte Herd in der Küche, betrieben mit Kohle und Briketts, gab eine Wärme ab, die heutzutage nur noch die Wenisten kennen.

Ich möchte es gar nicht schön reden – umwelttechnisch waren diese Dinge nach den heutigen Gesichtspunkten eine absolute Katastrophe, aber ich schreibe hier über eine Zeit, die vierzig Jahre zurückliegt.

Ja, wenn ich die Augen schließe und meine Gedanken schweifen lasse, dann nehme ich den zauberhaften Duft von Anis wahr, der damals in diesem Monat durch die Räume wabberte, denn es war die Zeit, in der wir die traditionellen Neujahrskuchen gebacken hatten.
Diese Tradition führe ich fort, auch wenn ich das eigentliche Rezept ein wenig verändert habe und diese Kekswaffeln auch als Samhainwaffeln bezeichne.
Weshalb?
Weil es für mich stimmig ist, deshalb.

In der Tat, der November war für mich früher ein Monat der Ruhe.
Und er ist es immer noch.
Er mutet dazu an inne zuhalten, und für mich gehört dazu auch, dass ich mehr denn je spazieren gehe; nicht nur in der Natur, sondern auch in der Stadt.
Ich liebe es durch die leeren Straßen zu schlendern und mir einfach die Auslagen in den Schaufenstern anzuschauen.
Ja, auch das habe ich früher immer gemacht, und damals mit der Gewissheit, das ich mir all das, was hier ausgestellt wurde, niemals leisten könnte.
Nun, mittlerweile hat sich zumindest das geändert, doch aus dem könnte ist ein nicht wollen geworden.
Brauche ich wirklich all diese Dinge, die einem angeboten werden?
Nein, denn sowas bereichert mein Leben nicht.
Sicherlich, ein klein wenig Luxus gönne ich mir, aber Luxus im Übermaß?
Bestimmt nicht, denn es würde mir nun wirklich gar nichts bringen.

Ich mag es, wenn die Straßen in der Stadt leer sind und ich das Gefühl habe, das ich wirklich alleine bin.
Bin ich es?
Ja, aber es stört mich nicht, denn ich bin ja nicht einsam.

Der November ist aber noch viel mehr.
Der November bedeutet für mich endlose Spaziergängen in der Natur und am Hafen, wobei ich die Atmosphäre dieser Zeit ganz besonders aufnehme.

Samhain ist DIE Zeit, in der man den Verstorbenen am meisten gedenkt, und das tut man auch wenn man den spirituellen Hintergrund nicht kennt.
So ging es mir schon, als Samhain, Halloween oder wie auch immer man diese Zeit nennen mag, für mich noch völlig unbekannt war, und vielleicht ist dieser Monat deswegen auch ein Monat der Ruhe und Einkehr.

Vielleicht liebe ich es ja deswegen, wenn es draußen etwas dunkler ist, denn komischerweise gehen meine Gedanken dann am ehesten auf Reise.

Kommentare sind geschlossen.

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑