Vor ein paar Tagen erhielt ich einen Anruf mit dem ich schon gerechnet hatte, und doch hatte es mir einen Stich versetzt.
Eine langjährige Freundin hatte ihren langen Kampf gegen den Krebs verloren, und nun passierte etwas, was mich schon Tage vorher sehr überrascht hat.
Die Freundin und ihr Mann sind katholisch.
Nicht im extremen Sinne; sie stehen Leben und wissen, dass der Glaube Teil des Lebens ist und nicht umgekehrt, doch sie sind regelmäßige Kirchengänger.
Ich habe es akzeptiert, denn es war, wie gesagt, Teil ihres Lebens.
Und nun, vor dem erwähnten Anruf, telefonierte ich mit meinem Freund und er sagte mir, dass seine Frau wieder im Krankenhaus ist.
Das sie Maßnahmen zur Lebenserhaltung ablehnt, das wußte ich, und ich wußte auch, was dieser erneute Krankenhausaufenthalt bedeutet.
Was ich nicht ahnte war die Bitte, die an mich herangetragen wurde.
Ich solle, wenn es soweit sei, ein Abschiedsritual abhalten.
Das war nicht nur ihr Wunsch, es war auch der Wunsch ihres Mannes.
Die Bestattung sollte anonym sein, denn so könne sie davon ausgehen, dass kein Priester an ihrem Grab reden würde.
Außerdem wolle sie ihrem Mann nicht den Zwang aussetzten regelmäßig zu ihrem Grab kommen zu müssen.
Das alles war für mich verständlich, aber das ich, der Heide, ein Abschiedsritual für meine Freundin, Mitglied der katholischen Kirche, abhalten solle – das hatte mich schon überrascht, denn im Grunde genommen passte es so gar nicht zu den Beiden.
Natürlich hatte ich zugesagt, denn immerhin ging es hier um den Wunsch einen lieben Freundin, und auch wenn mir klar war, dass ein solches Ritual für mich selbst schwer werden würde, so machte ich mich gedanklich rasch an die Vorbereitung.
Ich telefonierte regelmäßig mit meinem Freund, und so erfuhr ich auch von dem Grund des Wunsches.
Wie erwähnt, beide waren regelmäßige Kirchengänger, doch schon seit geraumer Zeit hatten sie sich innerlich immer mehr von der katholischen Kirche distanziert, denn die Art, wie dort über den Glauben geredet wurde, passte einfach nicht in ihr Leben.
Ich erfuhr, dass sie ein wenig neidisch waren über meine Art des Glaubens; über die Art und die Freiheit, die ich dadurch hatte, und nun wurde mir auch klar wie ich die zahlreichen Fragen, die immer wieder kamen, zu deuten hatte.
Und dann kam der erwartete Anruf, und ich fragte meinen Freund, ob er das Ritual am selben Abend haben möchte.
Die Frage kam einfach so, doch im Nachhinhein ist mir klar geworden, dass ich sie zum richtigen Augenblick getroffen hatte, denn so hatte er etwas, an das er sich Halten konnte und wurde nicht von der Trauer überrannt.
Wir redeten noch darüber, und am Abend trafen wir uns bei mir und gingen zu viert zum Ritualplatz.
Zu viert, ja, denn ich hatte noch zwei Freundinnen gebeten dabei zu sein.
Denise, die Tochter meiner damaligen Mentorin und Lebensgefährtin, half mir vor Ort bei der Vorbereitung und ich war froh, dass sie dabei war, denn nur durch ihre Anwesenheit gab sie mir die Kraft, die ich für dieses Ritual benötigte.
In den Bäumen rund um den Platz hatten wir Gläsern mit Kerzen hängen und den Platz selbst hatten wir vorher schon gereinigt und gebeten hier das entsprechende Ritual abhalten zu dürfen.
Natürlich werde ich das Ritual hier nicht im Detail wiedergeben, denn dafür war es schlußendlich zu persönlich.
Was ich allerdings erwähnen möchte war die Reaktion meines Freundes am Ende, denn er bekam, ganz in der Tradition der Zeitlosen, am Ende seinen Ahnenbecher und nachdem ich ihn darüber aufgeklärt hatte, konnte er die Tränen einfach nicht mehr zurückhalten.
Später erzählte er mir, dass er die Lebendigkeit während des Rituals gespürt hatte, und er wußte, dass es der richtige Schritt war.
Auch seine Reaktion bei der Übergabe des Ahnenbechers erklärte er mir.
Dieser Becher steht mittlerweile für alle sichtbar im Wohnzimmer, und selbst der Priester seiner Gemeinde, der vorbei geschaut hatte und ihn offenkundig davon überzeugen wollte die Bestattung nicht anonym abhalten zu lassen, war über den Hintergrund des Bechers überrascht.
Im christlichen Glauben gibt es wohl nichts dergleichen, und ich frage mich weshalb das so ist, denn ein solcher Becher gibt den Hinterbliebenen Kraft.
Aber warum gibt es sowas nicht in einem Glauben, der doch Kraft spenden soll?
Mein Glaube beinhaltet alles – das Leben und den Tod.
Mein Glaube kennt da keine Unterschiede, denn zum Leben gehört der Tod, und für mich ist es selbstverständlich, dass diejenigen, die nicht mehr bei uns sind, immer miteingeschlossen werden.
Vielleicht kann die christliche Kirche ja noch dazu lernen.
Meinen Segen hat sie.
Der Ahnenbecher und das Leben

Ich finde das großartig, dass dein Freund so an dich rangetreten ist. Er hat sich schon länger damit beschäftigt und das finde ich sehr gut.
Ich selbst habe im Endeffekt so gut wie keine Ahnung, wie du deinen Glauben gezielt ausübst, außer dem was du mit uns teilst. Ich würde gerne mehr darüber erfahren.
LG Sabine
LikeGefällt 1 Person
Da kommt noch mehr, auch gerade zu diesen Thema.
Aber – mir ist wichtig das man seinen Glauben lebt und diesen Glauben mit Leben ausfüllt.
LikeLike