Natürlich, in der Edda, gleich welcher Ausgabe, finden wir die Sagas und Geschichten – und doch gibt es Menschen, die die Edda als eine Art Glaubensbuch betrachten.
Nun, das kann man machen, doch es ist immer eine individuelle Ansicht.
Diese Ansicht gibt einem nun aber nicht das Recht, Bücher oder TV-Beiträge zu ‚verteufeln‘, welche die Geschichten der Edda als Grundlage für Nacherzählungen oder moderne Interpretation nutzen.
Und gerade diese Art der Nacherzählung boomt gerade förmlich; sei es in Buchform diverser Autoren und Verlagen oder in Videobeiträgen.
Ich persönlich finde es gut, denn auf diese Art und Weise werden die alten Texte entstaubt und für die Zukunft bewahrt.
Sicherlich, all diese Veröffentlichungen könnten die Gefahr beherbergen das man irgendwann vermutet der alte Glaube, unser Glaube, beruht auf Geschichten und wird deswegen nicht ernst genommen, doch schauen wir uns mal die Eddas und deren Ursprung einmal genauer an.
Tatsache ist, daß die Edda ist keine einzelne Schrift, sondern eine Sammlung von altnordischen literarischen Werken ist.
Diese wurden hauptsächlich im 13. Jahrhundert in Island niedergeschrieben wurden und bestehen aus zwei Hauptteilen – Der Lieder-Edda und der Jüngeren oder auch Prosa-Edda, die auch als Snorra-Edda bekannt ist.
So, und hier beginnt schon der eigentliche Problem, denn wie oben erwähnt wurden diese Texte im 13. Jahrhundert zusammengetragen; also in einer Zeit, in der sich der christliche Glaube nicht nur sehr stark ausgebreitet, sondern auch in den Gesellschaften gefestigt hatte.
Funfact am Rande – seit vermutlich 1000 n. Chr. betrachtet man Island als christlich, was während eines Althing, sagen wir mal, beschlossen wurde; diese Geschichte ist aber so interessant, dass sie Thema eines eigenen Beitrags wird.
Kommen wir lieber zurück zum eigentlichen Thema und schauen einmal auf die Lieder-Edda, welche übrigens auch Ältere oder Poetische Edda genannt wird.
Wer hat sie geschrieben hat, das weiß heute niemand mehr, die Autoren sind tatsächlich absolut unbekannt.
Bei der Lieder-Edda handelt es sich um eine Sammlung von mythologischen und heroischen Gedichten, die zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert mündlich entstanden und später im 13. Jahrhundert schriftlich festgehalten wurden.
Ja, ich weiß – eigener Beitrag, doch zum besseren Verständis sei erwähnt, das Island vermutlich erst im 9. Jahrhundert besiedelt wurde. In sofern ist es also nicht verwunderlich, dass man so spät begonnen hat die Texte aufzuschreiben.
Die wichtigste und umfassendste Überlieferung findet sich im sogenannten Codex Regius, welche vermutlich aus dem Jahr 1271 stammt.
Hiermit ist übrigens nicht die griechische Handschrift des Neuen Testaments, die aus dem 8. Jahrhundert stammt, gemeint, auch wenn ich diese Namensähnlichkeit sehr interessant finde.
Nein, es geht um eine altnordische Pergament-Handschrift aus dem späten 13. Jahrhundert, genauer so um 1270, die die zentrale Version der Lieder-Edda enthält. Sie ist eine Sammlung von Götter- und Heldenliedern sowie Spruchweisheiten der germanischen Mythologie.
Genauer enthält die Lieder-Edde die Götterlieder; also die Erzählungen von Schöpfung, Weltuntergang (Ragnarök), den Taten und Schicksalen der Götter (Odin, Thor, Loki, Freya etc.). Bekannte Beispiele sind die Völuspá (Prophezeiung der Seherin) oder das Hávamál (Sprüche des Hohen).
Außerdem enthält sie Heldenlieder wie Berichte von den Taten mythischer Helden wie Sigurd (dem Drachentöter), Helgi und Brynhild. Diese Lieder behandeln oft Themen wie Schicksal, Rache, Treue und Ehre.
Die lyrischen Texte sind in verschiedenen Strophenformen (z.B. Fornyrðislag, Ljóðaháttr) verfasst, sie sind sehr komprimiert und assoziativ in ihrer Erzählweise.
Vermutlich diente das Auschreiben der Texte in erster Linie der Überlieferung der Sagen, welche ja bisher nur mündlich überliefert wurden, und wahscheinlich liegt genau hier auch der Grund, weshalb man heute die Märchen der Gebrüder Grimm als südgermanische Edda bezeichnet, denn die Grimm’s haben ja nichts anderes auch gemacht.
Tatsächlich wird die Lieder-Edda oft als archaistisch, direkt, oft rätselhaft und voller Anspielungen, die ein bereits vorhandenes Wissen über die Mythen voraussetzen, betrachte, womit man durch sagen kann, dass dieses Werk als „ursprünglichere“ Quelle der Mythen ist, denn sie ist die wichtigste Quelle für unser Wissen über die nordische Mythologie und Heldendichtung.
Aber natürlich gibt es auch noch die sogenannte Snorra-Edda, auch bekannt als Jüngere, bzw Prosa-Edda.
Ja, ich meine jene, die eben Snorri Sturluson im frühen 13. Jahrhundert verfasst hat und obwohl isländischen Dichter, Historiker, Politiker und Mönch vermutlich nur die älteste der vier Handschriften aufgeschrieben hat, wird er weithin als ihr Verfasser betrachtet.
Vermutlich, fragen kann man ihn ja nicht mehr, hatte Sturluson die Snorra-Edda als Lehrbuch für Skalden geschrieben, denn sie enthält Erläuterungen zur nordischen Mythologie und Dichtkunst.
In meinen Augen ist dieses Werk jedoch mehr, denn Snorri hat nämlich hierfür etwas benutzt, was wohl auch ein weiterer Grund für die Bekanntheit dieser Ausgabe ist.
Er hat für eben dieses Lehrbuch das nötige Wissen über die alte Mythologie und die dichterischen Konventionen (insbesondere die sogenannten Kenningar und Heiti) vermitteln, damit die Dichter weiterhin Gedichte im traditionellen Stil verfassen konnten, auch wenn das Christentum bereits Einzug gehalten hatte.
Tatsächlich, und das ist gegenüber all jenen, die die Edda, die Snorra-Edda als das Glaubensbuch unseres Glaubens betrachten, hat Snorri nämlich versucht die nordischen Götter in einen christlichen Kontext zu stellen, indem er sie als eine Art Trojaner darstellt, die nach Norden wanderten (Euhemerismus).
Darüber hinaus beinhaltet die Snorra-Edda noch weitere ‚Bausteine‘:
- „Gylfaginning“ (Gylfis Täuschung); hier wird in Form eines Dialogs zwischen dem schwedischen König Gylfi und drei Inkarnationen Odins die gesamte nordische Mythologie von der Schöpfung bis zum Ragnarök ausführlich darlegt.
- „Skáldskaparmál“ (Sprache der Dichtkunst); hier wird die dichterische Sprache erläutert, insbesondere die Kenningar (poetische Umschreibungen wie „Schiff der See“ für „Schiff“) und Heiti (Synonyme), und liefert zahlreiche Beispiele aus älteren Skaldengedichten.
- „Háttatal“ (Verzeichnis der Versformen); hier werden über 100 verschiedene altnordische Versmaße vorgestellt, Snorri hatte sie jeweils mit einer selbst gedichteten Strophe illustriert, die als Preislied auf einen König dienen.
Didaktisch, systematisch und erklärend versucht Snorri die oft fragmentarischen oder schwer verständlichen mythologischen Anspielungen der Lieder-Edda zu ordnen und zu erklären, was die Snorra-Edda zu einer unschätzbaren Quelle für unser Verständnis der nordischen Mythologie macht.
Die Lieder-Edda ist also die „Quellensammlung“ der rohen, unkommentierten mythologischen und heroischen Gedichte ist. Sie ist älter in ihrer Entstehung, wenn auch jünger in der Niederschrift als Snorris Werk im Gesamten betrachtet, und bietet einen direkten Einblick in die mündlich überlieferten Erzählungen.
Die Snorra-Edda hingegen ist Snorris Versuch, diese Mythen zu systematisieren, zu erklären und als Lehrbuch für Dichter zu nutzen. Sie ist eine wertvolle Sekundärquelle, die uns hilft, die oft komplexen Anspielungen der Lieder-Edda zu verstehen, und bewahrt viele Informationen, die sonst verloren gegangen wären. Snorri zitierte in seiner Prosa-Edda auch Gedichte der Lieder-Edda, was zeigt, dass er die älteren Werke kannte und nutzte.
Und genau das macht die Snorra-Edda zu dem Buch, was nicht wenige Menschen unseres Glaubens als das Buch unseres Glaubens betrachten und eine andere Sichtweise nicht gutheißen.
Aber, und das sollte man niemals vergessen, es waren Geschichten die man sich früher erzählt und die schließlich aufgeschrieben wurden.
Und genau das ist der Grund, weswegen ich sage, das eine andere Sichtweise sehr wohl erlaubt ist.
Texte wie das Havamal zum Beispiel sind feste Regeln, doch es geht mir um die Geschichten darum herum.
Genau diese, die Geschichten der Götter, kann man durchaus als Geschichten neu erzählen.
Das ist das Recht eines jeden, und so wird unser Glaube nicht in der Versenkung der Zeit verschwinden.
Unser Glaube wird auf solche Art und Weise präsent bleiben – und das kann eigentlich niemand kritisieren.

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