Natürlich kennen wir jene Geschichte aus der Edda, die das Ende der Welt beschreibt – Ragnaröck.
Aber Zeitlos wäre nicht Zeitlos wenn es da nicht eine Frage gibt – befinden wir uns vor oder nach Ragnaröck?
Na, wie seht ihr es?
Um diese Frage genauer beantworten zu können, sollte man sich einmal dieses zentrale Ereignis genauer anschauen, denn Ragnaröck ist wesentlich mehr als nur das Ende der Welt; wie immer in der Geschichte gibt es nämlich vor dem Ende auch einen Anfang – und der hat es schlußendlich auch dezent in sich.
Beginnen wir am Ende und schauen uns einmal Ragnaröck an, denn Ragnaröck ist aus der Sicht der nordischen Mythologie nicht einfach nur eine Katastrophe oder das Ende der Welt, sondern vielmehr das Schicksal der Götter und die erneuernde Zerstörung der bestehenden Weltordnung. Es ist ein gewaltiges kosmisches Ereignis, das von Prophezeiungen vorhergesagt wird und in einer Reihe von dramatischen Schlachten gipfelt.
Die Vorzeichen sind düster und unheilvoll, denn nachdem der Hahn dreimal kräht tritt eine wahre Kaskade an Ereignissen ein.
Ein unerbittlicher, dreijähriger Winter, der Fimbulvetr, bricht über Midgard herein und während Schnee und Frost wüten, die Sonne scheint kaum, kämpfen die Menschen ums Überleben. Bruder wird gegen Bruder kämpfen, die Moral verfällt.
Damit verlieren auch soziale Bindungen, Gesetze, Regeln und Ehre an Bedeutung und Gier und Neid herrschen vor
Damit aber nicht genug, denn nun verschwinden auch Sonne und Mond.
Die Sonne wird vom Wolf Sköll verschlungen, der Mond vom Wolf Hati.
Dieses Ereignis bringt die Finsternis über die Welt, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Mächte des Chaos und der Zerstörung freigelassen.
Der gefesselte Gott Loki befreit sich aus seiner Gefangenschaft und führt die Mächte des gegen Asgard an.
Die riesige Schlange Jörmungandr, die Midgardschlange, die die Welt umschlingt, kommt aus dem Meer an Land und versetzt die Ozeane in Aufruhr.
Der monströse Wolf Fenrir, wie die Midgardschlange ein Kind Lokis, befreit sich und rennt mit aufgesperrtem Maul, dessen oberer Kiefer den Himmel und der untere die Erde berührt, durch die Welt.
Unter der Führung des Feuerriesen Surtr reiten die Feuerriesen aus Múspellsheimr auf dem Bifröst, der Regenbogenbrücke, die unter ihrem Gewicht zerbricht.
Das Totenschiff Nagelfar, gebaut aus den Fingernägeln der Toten, wird von Riesen gesteuert und bringt eine Armee der Toten nach Asgard.
Die Götter, wissend um ihr Schicksal, bereiten sich auf die letzte Schlacht vor. Sie reiten mit ihren Kriegern auf die Ebene Vígríðr, wo die entscheidende Schlacht stattfinden und sich ihr Schicksal erfüllen wird.
Odin wird gegen den Fenriswolf kämpfen, aber trotz seiner Weisheit und Stärke wird er von dem Ungeheuer verschlungen.
Thor wird die Midgardschlange Jörmungandr töten, aber er wird selbst an ihrem giftigen Atem sterben und nur neun Schritte weit gehen können.
Freyr wird gegen Surtr kämpfen, wird aber ohne sein magisches Schwert, das er einst vergeben hat, unterliegen und sterben.
Tyr wird gegen den Höllenhund Garm kämpfen und beide werden einander töten.
Heimdallr wird gegen Loki kämpfen und beide werden im Kampf fallen.
Die Welt wird in Feuer und Wasser versinken. Die Sonne verdunkelt sich, die Erde bebt, und alle Sterne fallen vom Himmel.
Wie wir wissen endet mit diesem Ereigis nicht die Geschichte, denn nach der Zerstörung, nach Ragnaröck, erhebt sich eine neue, gereinigte Welt aus dem Meer.
Die wenigen Götter, die überlebt haben, bzw. wiederkehren, und zwei Menschen, Líf und Lífþrasir, Leben und Lebenssehnen, die sich in Hoddmímis, einem heiligen Hain, vor der Zerstörung versteckt haben, werden die neue Welt bevölkern.
Die Sonne wird als Tochter wiedergeboren, die Erde wird fruchtbar sein, und Frieden und Gerechtigkeit werden herrschen.
Die Söhne Odins, Víðarr und Vali, werden überleben, ebenso Thors Söhne Móði und Magni, die Mjölnir erben werden. Auch Balder und Höðr werden aus der Unterwelt zurückkehren und sich mit den anderen versöhnen.
Betrachtet man dieses Ereignis aus Sicht der nordischen Mythologie, dann ist Ragnarök somit ein zyklisches Ereignis; gewissermaßen also ein notwendiger Übergang von einer alten zu einer neuen Ordnung.
Ragnaröck ist also das Ende einer Ära, zugleich aber auch der Beginn einer neuen, reineren Welt, die aus der Asche der alten aufersteht. Es betont die Vergänglichkeit aller Dinge, selbst der Götter, aber auch die Hoffnung auf Erneuerung und Wiedergeburt.
So, das nun dazu, doch damit wäre eine zentrale Frage, die mich schon lange beschäftigt, noch nicht abschließend geklärt – wenn Odin durch eine Prophezeihung von diesem Ereignis erfahren hat, also auch von seinem eigenen Tod, warum hat er dann nichts getan um es zu verhindern?
Oder hat er etwa durch eben solchen Versuch Ragnaröck ausgelöst?
Trägt Odin durch sein Verhalten und seine Aktionen etwa eine Mitschuld an dem Tod seiner Sippe?
Eine gewagte These?
Mag sein, aber sie ist nicht von der Hand zu weisen, denn immerhin war es Odin, der Loki nach Asgard geholt hat; mutmaßlich um den Untergang so zu verhindern.
Machen wir uns nichts vor – ein vorbildliches Verhalten war es nicht gerade, denn so trägt Odin auch eine Mitschuld an dem Tod von Balder, dem eigenem Sohn.
Auch war es Odin, der durch die Tatsache, dass er alles wissen wollte, Kräfte hervorgerufen hat die ihm nicht nur ebenbürtig waren sondern auch Neid anderer Wesen hervor rief.
Was aber, wenn Odin trotz seinem Wissen und seinem Handeln, was man im Grunde genommen fast schon toxisch bezeichnen könnte, bewußt so gehandelt hat, denn wir dürfen nicht vergessen, wie Ragnaröck betrachtet wurde – als Ende damit etwas Neues entstehen kann.
Demnach hätte Odin sich und die Seinen zum Wohle der Schöpfung geopfert.
Allerdings hat der den Anderen nichts erzählt und ihnen so keine Wahl gelassen.
Kommen wir einmal auf den Aspekt Toxisch zurück, denn tatsächlich denke ich mir, daß das Verhalten Odin’s so bezeichnet werden kann, auch wenn diese Frage durchaus eine differenzierte Betrachtung seiner Eigenschaften und Handlungen in der nordischen Mythologie erfordert.
Zunächst sollte man erstmal erklären, das dieser eher moderne Begriff oft verwendet wird, um schädliche Verhaltensmuster in Beziehungen, die von Manipulation, Egoismus, Respektlosigkeit und Negativität geprägt sind, zu beschreiben.
Wenn wir Odins Verhalten durch diese moderne Linse betrachten, dann lassen sich durchaus toxische Züge erkennen.
Schaut man sich die Texte in der Edda, wissenschaftliche Arbeiten und diverse Puplikationen einmal genauer an, dann kann man schnell zu dem Schluß kommt, das der Knabe nach Macht und Wissen ohne Rücksicht auf Verluste strebt.
Machen wir uns nichts vor – Odin ist besessen von Wissen und Macht. Er opfert sein Auge, hängt sich am Weltenbaum Yggdrasil auf und dringt in die Unterwelt ein, um Runen und Weisheit zu erlangen.
Ja, dieses Streben ist oft egoistisch und nimmt wenig Rücksicht auf die Konsequenzen für andere.
Außerdem ist Odin bekannt für seine List und seine Fähigkeit, seine Gestalt zu wandeln und andere zu täuschen, um seine Ziele zu erreichen.
Obwohl er mit Frigg verheiratet ist, hat Odin zahlreiche Affären und zeugt viele Kinder mit verschiedenen Frauen und Göttinnen. Dies könnte als respektlos und verletzend gegenüber seiner Gemahlin interpretiert werden.
Odins Handlungen scheinen oft von der Angst vor Ragnarök und dem Verlust seiner Macht getrieben und eben diese Angst führt zu manipulativem und manchmal rücksichtslosem Verhalten.
Bei den oben genannten Aspekten darf man aber nicht vergessen, dass sie unter dem heutigen Blick entstanden sind.
Tatsächlich, und auch das gehört zur Wahrheit dazu, muß man diese Figur auch unter dem Aspekt der damaligen Zeit betrachten sollte, denn Odin ist und bleibt eine Gottheit einer alten Mythologie ist. Seine Moralvorstellungen und Handlungen müssen im Kontext dieser Zeit und seiner göttlichen Natur betrachtet werden.
Was uns heute als toxisch erscheint, könnte in der damaligen Welt anders bewertet worden sein.
Betrachtet man Odins Streben nach Wissen und und Macht, so kann man es durchaus als notwendige Vorbereitung auf die Endschlacht Ragnarök deuten.
Unter diesem Blickwinkel kann man seine Handlungen letztendlich dem Schutz der Götter und der Welt dienen, auch wenn seine Methoden fragwürdig erscheinen.
Tja, so einfach läßt sich die Frage also nicht beantworten, denn es ist immer eine Frage der Zeit und des Blickwinkels.
Was früher selbstverständlich war, das ist heute verpöhnt.
Nichts desto trotz bleibt Odin eine Figur in der nordischen Mhytologie an der man sich reiben kann, und genau das macht diese Figur so interessant.
Habe ich noch was vergessen?
Ach ja – in welcher Zeit leben wir nun eigentlich?
Nach oder vor Ragnaröck?
Nun, diese Frage lässt sich leicht beantworten, denn da es sich um ein zyklisches Ereignis handelt befinden wir uns in der Zeit dazwischen.
Ragnaröck wird widerkehren, es ist nur eine Frage wann.
Und das ist, für mich, die eigentliche Kernaussage der Edda.
Wie aber seht ihr es?
Mit diesem Beitrag möchte ich euch einladen euch Gedanken darüber zu machen.
Nicht still und leise – laut und sichtbar.
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