Ich habe in den letzten Wochen sehr viel über die nordische Mythologie geschrieben, und jedesmal tauchte Island auf.
Zufall?
Nein, pure Absicht, denn Island, diese kleine Insel im Atlantik, spielt in unserem Glauben eine sehr zentrale Rolle – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der praktischen Gegenwart, denn schließlich befindet sich hier mit Asatru ein Glaube, der den alten Glauben als Hintergrund hat und eine staatliche Religion ist.
Allerdings ist Island auch der Ort, dem wir heute eine Quelle über unseren Glauben verdanken, denn hier wurde die Edda geschrieben.
Wie das passieren konnte, immerhin geschah es zu einer Zeit, in der durch die Verbreitung des Christentums der alte Glaube vielerorts schlicht verboten wurde, möchte ich in diesem Beitrag ein wenig verdeutlichen.
Bevor die Wikinger, ich bleib einfach bei dieser Bezeichnung, denn es ist einfacher so, die Insel erreichten, gab es Anzeichen für die Anwesenheit irischer Mönche, die sich möglicherweise als Eremiten dort aufhielten.
Als die nordischen Siedler auf Island dauerhaft Fuß fassten, 870 bis 874 n. Chr., waren die Mönche wohl wieder verschwunden; zumindest gibt es keine Berichte, die von einem Zusammentreffen beider Gruppen berichten.
Die Tatsache, dass es überhaupt zur Besiedelung kam liegt an dem norwegischen Königs Harald Schönhaar, denn hauptsächlich waren es Wikinger aus Norwegen, die vor der Herrschaft dieses Königs flohen, aber auch Siedler aus den Wikingersiedlungen in Irland und Schottland kamen nach Island.
Der erste dauerhafte Siedler ist der Überlieferung nach Ingólfur Arnarson, der sich 874 im Südwesten Islands und später an einer Bucht Bucht, die er Rauchbucht nannte, da es hier vermehrt Thermalquellen gab – Reykjavík.
Die Zeit von 874-930 wird in Island als sogenannte Landnahme bezeichnet, denn während dieser Periode strömten immer mehr Siedler auf die Insel, die zu dieser Zeit weitgehend unbewohnt war und reichlich Land bot.
Aufgrund dieser Tatsache wuchs natürlich auch die Bevölkerung, was die jeweilen Stammesführer dazu brachte im Jahr 930 das Althing in Thingvellir zu gründen. Dieses Parlament gilt als das älteste noch existierende Parlament der Welt und gilt Geburtsstunde des isländischen Freistaats.
Man kann diesen jungen Staat schon als Heidnisch bezeichnen, denn natürlich brachten die ersten Siedler, eben die Wikinger, ihren heidnischen Glauben mit nach Island, allerdings gab es auch schon vereinzelt Christen unter den Siedlern, sowie „götterlose“ Personen, die sich keiner Religion zugehörig fühlten.
Es spricht eindeutig für den paganen Glauben, dieser Einwurf sei erlaubt, das er offenkundig absolut tolerant war, denn der Glaube anderer spielte wenn überhaupt eine eher untergeordnete Rolle.
Natürlich gab es Grenzen, ich kann mir nicht vorstellen, dass Christen an einem Thing teilnahmen, denn natürlich wurde hier auch den Göttern gedacht, doch die Christen mußten niemals ihren Glauben ablegen.
Das diese Toleranz eher einseitig war zeigt der Lauf der Geschichte, denn da sich der christliche Glaube immer weiter ausbreitete, gab es natürlich auch in Island Konflikte.
Das 10. Jahrhundert spielt hier eine wichtige Rolle.
Im Laufe der Zeit vermischte sich der heidnische Glaube zunehmend mit dem Christentum, was auch daran lag, das jene, die sich auf Viking befanden, auch durch die irischen Sklaven mit nach Island brachten – und die waren meistens christlich.
Allerdings nahmen auch Missionierungsversuche von oben immer weiter zu, und hier nahmen die norwegischen Königen wie Olav I. Tryggvason eine wichtige Rolle ein, denn eben diese Versuche der Missionierung waren nicht immer friedlich.
All das führte in Island zu einer Situation, die einem Pulverfass gleichen könnte.
Um das Jahr 1000 n. Chr. standen sich die heidnischen und christlichen Anhänger in Island zunehmend feindlich gegenüber. Um einen Bürgerkrieg zu vermeiden, wurde auf dem Althing eine Entscheidung über die offizielle Religion getroffen. Der Gesetzessprecher Þorgeir Ljósvetningagoði traf die weise Entscheidung, dass Island das Christentum als offizielle Religion annehmen sollte, wobei den Anhängern des Heidentums erlaubt wurde, ihren alten Glauben weiterhin im Stillen zu praktizieren. Dies war ein bemerkenswerter Akt der Toleranz für die damalige Zeit.
Ein weiterer sehr interessanter Punkt ist die Tatsache, das es in Island eine andere Kirchensprache – Isländisch.
Während im Rest der Kirche Latein die Kirchensprache war, nahm Island auch hier tatsächlich einen weiteren Sonderstatus ein.
Allein diese Tatsache zeigt, das es ein friedliches Miteinander der jeweiligen Religionen möglich ist, ja, die Praktiken des alten Glaubens wurden eingeschränkt, doch er war nicht verboten, und auf der anderen Seite zeigt es, wie Politik funktioniert, denn dieses Allthing wird als erstes Parlament der Welt betrachtet.
Deswegen schauen wir uns doch einmal die Geschichte von Island politisch an.
Wie schon erwähnt ist der Zeitraum 930-1262 als maßgeblich zu betrachten, denn während dieser Zeit, genauer nach der Gründung des Althing etwas um 930, entwickelte sich Island zu einem einzigartigen Freistaat, der auf einem System von Bauern und Häuptlingen, auch Goden genannt, basierte und keinen König hatte.
Genau in diese Zeit fällt auch die mündliche Entstehung der Isländersagas, die wichtige Einblicke in das Leben, die Gesetze und die Kultur dieser Epoche geben.
Und auch in diese Zeit fällt auch die Kolonisierung Grönlands durch Erik den Roten und die Entdeckung Amerikas (Vinland) durch Leif Erikson statt.
Das alles änderte sich so ab 1262, denn nach Jahren der internen Konflikte zwischen verfeindeten isländischen Clans geriet Island 1262 unter die Herrschaft der norwegischen Krone durch den „Alten Bund“.
Das Althing behielt zwar einige seiner gesetzgeberischen Rechte, die Eigenständigkeit des Landes war jedoch beendet.
Wenn man sich nun noch einmal vor Augen hält, dass um 1000 n Chr. die Christianisierung Islands durch das Althing beschlossen wurde, wirft dieser Umbruch ein merkwürdiges Licht auf die Religion der angeblichen Nächstenliebe.
Im Jahr 1397 änderte sich erneut einiges.
Mit der Hanse, einem Zusammenschluß verschiedener Städte unter zunächst Lübecker Führung, trat eine Organisation auf, die es anderen Ländern durchaus schwer machen konnte, denn so konnten Handelsbedingungen diktiert werden.
Im heutigen Skandinavischem Bereich brachte das die Kalmarer Union zustande, eine Vereinigung der Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden, die am 17 Juni 1397 im schwedischem Kalmar ins Leben gerufen wurde und deren Hauptzweck darin bestand ein Gegengewicht zur eben aufstrebenden deutschen Hanse zu bilden und die skandinavischen Reiche unter einer gemeinsamen Krone zu vereinen, um sie gegen äußere Feinde zu stärken.
Im Grunde genommen sollte diese Union unter einem gemeinsamen Regenten und mit einer gemeinsamen Außenpolitik agieren, wobei jedes Reich nach seinen eigenen Gesetzen regiert werden sollte, doch wie so oft kommt es meistens immer anders als geplant, denn obwohl ein Unionsbrief unterzeichnet wurde, der eine dauerhafte Einheit vorsah, gab es von Anfang an Spannungen, was besonders daran lag, dass Dänemark eine Vorherrschaft innerhalb der Union anstrebte.
Das dieses immer zu Konflikten führte liegt da auf der Hand, unter anderem an deshalb, weil Schweden seine Eigenständigkeit bewahren wollte und deswegen auch immer wieder einen eigenen sogenannten Reichsverweser einsetzte und im Grunde genommen aus dem Bund austrat.
Was ist aber nun ein Reichsverweser?
Es handelt sich hierbei um eine Person, die im Falle einer Vakanz des Throns, also wenn kein Monarch regiert, oder bei längerer Abwesenheit des Herrschers dessen Amtsgeschäfte und die Staatsgewalt stellvertretend wahrnimmt. Der Begriff „Verweser“ leitet sich vom althochdeutschen „firwesan“ ab, was so viel wie „jemandes Stelle/Wesen vertreten“ bedeutet.
Die Funktion des Reichsverwesers ist also die eines provisorischen Staatsoberhaupts und hat eine lange Tradition.
Das alles führte letztlich zu einem formellen Ende der Kalmarer Union 1523, als Schweden unter Gustav Wasa austrat und dieser zum König gewählt wurde. Dänemark und Norwegen blieben jedoch bis 1814 in einer Personalunion verbunden.
Im Jahr 1397 kam Norwegen, und damit auch Island, also unter dänische Herrschaft und diese Periode war oft von schweren wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten geprägt. Die Pest, Pockenepidemien und Vulkanausbrüche führten zu einem starken Bevölkerungsrückgang und Hungersnöten. Dänemark führte ein Handelsmonopol ein, das den Isländern den Handel mit anderen Nationen erschwerte.
Das ist übrigens etwas, was auch Grönland erlebte, welches sich seitdem ebenfalls unter dänischen Herrschaft befand.
Das 19. Jahrhundert kann man in ganz Europa als ein Jahrhundert der nationalen Erweckungsbewegung betrachten, denn nach dem Ende der Herrschaft Napoleons brachen Strukturen zusammen und man brauchte dringend etwas, an das man sich klammern konnte.
Diese Entwicklung machte auch vor Island nicht Halt, was zur Forderung nach mehr Autonomie führte und 1874 in eine Verfassung und begrenzter Selbstbestimmung in inneren Angelegenheiten endete.
Tatsächlich übrigens gab es erst ab 1904 einen Island-Minister in der dänischen Regierung, was einher ging mit der Selbstverwaltung Islands, die im selben Jahr eingeführt wurde.
Dieser Schritt führte 1918 dazu, das Island in Personalunion mit Dänemark ein souveräner Staat wurde.
Das blieb so bis zum 17. Juni 1944, an dem Island seine vollständige Unabhängigkeit von Dänemark erklärte und zu einer Republik wurde.
Warum aber ist ausgerechnet Island nun so wichtig in unserem Glauben?
Nun, hier entstanden die Ausgaben der Edda und hier blieb der alte Glaube trotz der wechselhaften Geschichte bestehen, anders als in anderen Ländern von Europa.
Bedenkt man einmal die bereits erwähnte Tatsache, das Isländisch seit der Reformation als Kirchensprache in Island wieder eingeführt wurde, so haben wir hier einen Blick auf eine Sprache, welche schon vom Ursprung her die sogenannten Wikinger sprachen.
Nein, ich möchte diese Räuberbanden nicht als Quelle aller modernen Heiden betrachten, doch man darf nie vergessen, dass es eben diese nach moderner lesart Kriminellen waren, die den Glauben zu einer Zeit wieder nach Europa brachten, in der das Wissen darum noch nicht vollständig verschwunden war.
Nun, ich persönlich vertrete die Ansicht, das beide Faktoren – die Entwicklung auf Island und die Fahrten derjenigen, die gemeinhin als Wikinger bezeichnet werden, dafür gesorgt haben, dass das Wissen um den alten Glaube nie verschwand.
Betrachte ich Island als Heilig?
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, aber allein die Tatsache, das dort der alte Glaube im Zuge der Christianisierung weiterhin existierte und das der alte Glaube dort staatlich anerkannt ist, macht diese Insel zu einem besonderem Ort.
Ja, vielleicht sogar zu einem Ort, der von späteren Generationen vielleicht sogar als Heiligtum erachtet wird.

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